Testbericht

Specialized Womens Power mit Mimic Technologie. Der Fahrradsattel für Damen im Test.

Specialized Womens Power mit Mimic Technologie. Der Fahrradsattel für Damen im Test.
von Katharina Meißner
19.10.2020
Fotos: Katharina Meißner, Specialized
„Deine Vagina wird es dir danken“, ruft die Specialized-Fahrerin Alison Tetrick im Werbevideo und radelt lachend davon. Denn es stimmt: Druckstellen im Intimbereich, Taubheitsgefühle oder Hautverletzungen durch Sättel sind nach wie vor ein nahezu Tabuthema (nicht nur) im Frauenradsport. Ob der Fahrradsattel Damen schmerzfrei fahren lässt, haben wir getestet.

Specialized möchte sowohl mit dem ungewöhnlichen Video, das die Vagina zum Thema macht als auch mit einem neuen Sattel Abhilfe bei Schmerzen schaffen: dem Women´s Power mit Mimic.

Leistung ohne Druck.

Mit einer druckmindernden Mulde und einer auf die weibliche Anatomie abgestimmten Polsterung sollen die neuen Damen-Sättel äußerst komfortabel sein, nicht nur für den Bikepark sondern auch nach mehreren Hundert Kilometern auf dem Rennrad. Ob die neue Technologie hält, was sie verspricht?

Der Women's Power Sattel mit Mimic im Überblick:

+ Sattel für Rennrad-, Gravel-Fahrerinnen und Mountainbikerinnen

+ abgestimmte Polsterung mit Memory-Schaumstoff, der sich die Biometrie der Weichteile merkt

+ erhältlich in vier Versionen: S-Works, Pro, Expert und Comp und bis zu drei Breiten (143, 155, 168 mm)

+ Preis: 84,90 bis 299,90 Euro

Es war wohl nicht so leicht, genügend Fahrerinnen zu finden, die offen und ehrlich über die Probleme im Schambereich sprechen, wenn sie Sättel testen. Doch Specialized hat es nach einigem Zeitaufwand geschafft, ausreichend Daten von Testpersonen zusammenzutragen, um ein innovatives  Konzept für Frauen-Sättel auf den Markt zu bringen. Dazu beigetragen haben 20 Profi-Fahrerinnen der hauseigenen Teams aus den Bereichen Rennrad, Gravel und Mountainbike. Man bediente sich dabei traditioneller und unkonventioneller Datenerhebungsmethoden wie Wärmebildern, Modellbildung, anatomischen Markern und dem persönlichen Feedback der Fahrerinnen selbst.

Der Sattel von oben fotografiert. Sichtbar ist die die Mimic-Technologie der neuen Women's Power Sättel die sich den Problemen der Damenwelt annimmt.

Entwickelt unter ergonomischen Gesichtspunkten auf Basis zahlreicher Bike-Fittings soll die wissenschaftlich getestete Mimic-Technologie Schmerzen, Taubheit und Druckgefühl an empfindlichen Stellen nehmen.

Am Ende entstand als Ergebnis ein Muldensattel, der den Druck von den Schamlippen nehmen soll und nicht zum Anschwellen führt. Dabei hat Specialized in Zusammenarbeit mit dem Ergonomie-Experten Dr. Roger Minkow den Body Geometry-Sattel so konzipiert, dass Taubheitsgefühle und Wundreiben, vermindert oder gar völlig verhindert werden sollen und folgendes patentierte Design entstanden ist:

Die Querschnitt-Grafik des Fahrradsattels zeigt die verschiedenen Materialien und Lagen aus denen der Sattel produziert wird.

Der Querschnitt des Fahrradsattels zeigt die unterschiedlichen Materialien und die vier Lagen aus denen der Sattel produziert wird.

Auf die Grundschale, die je nach Modell und Preisklasse aus Carbon oder Kunststoff gefertigt ist, sind weitere Schaumstoffe aus unterschiedlicher Festigkeit aufgebracht: In der Mulde wurde ein formbarer TPU-Schaum verwendet, der die Schwellungen der Schamlippen verhindern soll.

Auf diesem liegt im hinteren Sitzhöckerbereich ein fester Schaumstoff, der dem Hintern ausreichend Unterstützung bietet, um ein Herumrutschen auf einem zu weichen Sattel zu verhindern. Die Sattelnase besteht aus einem weichen Schaum, um den Druck zu nehmen und auf ihm und dem Muldenbereich liegt als oberste Schicht ein Memory-Schaum auf, der sich die Biometrie des Frauenkörpers merken soll und somit ebenfalls noch mehr Druck in den empfindlichsten Bereichen vermindert.

Sattelansicht von oben und die Sattenansicht von unten.

Die steife FACT Carbon-Sattelschale sorgt für gute Unterstützung und eine effiziente Kraftübertragung. Die Sattelstreben aus Carbon sind extrem leicht, steif und besonders robust.

Mein erster Eindruck:

Der Mimic durchbricht die herkömmliche Form von Damen-Sätteln, die bislang mit langer Nase und Aussparung im Schamlippenbereich daher kamen. Der Mimic ist 2 Zentimeter kürzer als mein bisheriger Rennrad-Sattel, in der Breite jedoch genauso breit (155 Millimeter). Dadurch sieht er etwas plump aus.

Was die Optik (Mixtape) jedoch wieder wettmacht. Auch die Sattelnase des Power Mimic fällt viel stärker ab und hat eine schmalere Spitze als die meisten anderen Sättel. Diese Eigenschaft gefällt mir sehr gut und mein anfänglicher Eindruck, ich könnte deshalb vom Sattel rutschen, hat sich nicht bestätigt. Auch bin ich nie am Sattel mit meiner Bekleidung hängen geblieben – ein Problem, das man bei anderen Sätteln mit starker Neigung in der Nase hin und wieder beobachtet.

Ein kleiner Nachteil, den ich zu bedenken geben möchte, auf den mich jedoch erst eine Mitfahrerin aufmerksam machte und ich selbst noch nicht erlebt habe: Die fehlende Aussparung im Sattel könnte bei starkem Regen dazu führen, dass sich Regenwasser in der Mulde des Sattels sammelt und vor dem Weiterfahren der Sattel getrocknet werden müsste.

Frontansicht des Power Sattel mit Mimic technologie

Die laborgeprüfte Body Geometry Passform sorgt bei Frauen und bei Männern für optimale Blutzirkulation in sensiblen Arterien.

Mein Urteil nach der ersten Testfahrt:

Der Mimic-Sattel hält, was er an Komfort verspricht. Die Mulde macht es tatsächlich angenehm, das Rennrad entspannt und ohne Druck und Reibung über eine Streckenlänge von 60 Kilometern zu bringen. Ich merkte keinen nachteiligen Unterschied zu meinem bisherigen Sattel, der eine komplette Aussparung im empfindlichen Bereich hatte.

Er bietet mir sogar noch mehr Halt als mein bisheriger Sattelliebling. Über mittellange Strecken erscheint mir der Mimic eine frauenfreundlich modifizierte Version des Unisex-Power-Sattels von Specialized zu sein und ich kann ihn ohne Einschränkung weiterempfehlen.

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Meine Ernüchterung nach längeren Testausfahrten: 

Bei Ausfahrten, in denen ich 2 Stunden und länger im Sattel saß, sehnte ich mir leider meinen Sattel (Specialized Oura) mit Aussparung herbei. Ich musste feststellen, dass ich bei Ausfahrten von mehr als 60 Kilometern immer wieder auf dem Sattel nach rechts und links rutschte, um eine angenehme Position zu finden. Ohne Erfolg. Die Mulde konnte den Druck bei mir nicht gänzlich mindern – jedenfalls nicht auf langer Strecke.

Ich habe den Sattel mehrere Monate auf meinem Rad montiert gelassen, da ich zu Beginn vermutete, ich sei einfach zu sehr an die Aussparung gewöhnt, sodass ich mich erst an die Mulde gewöhnen müsse. Und nach kurzen Ausfahrten war ich auch immer wieder begeistert von der Technologie, die in dem Sattel steckt. Ich versuchte, die Neigung des Sattels zu korrigieren sowie die Ausrichtung, doch es wurde nicht besser. Da ich bereits zu mir besser passende Sättel von Specialized gefahren bin, wollte ich für lange Touren diese Schmerzfreiheit wieder zurück und tauschte den Mimic schlussendlich gegen den Oura von Specialized.

Individueller Eindruck:

Die Passform eines Sattels ist fast so individuell wie der menschliche Fingerabdruck. Wer sich mit meiner Rennradfreundin Jana unterhält, die dieselben Strecken wie ich fährt, wird einen gänzlich anderen Eindruck von dem Mimic-Sattel bekommen, denn Jana schwört auf ihn. Das könnte damit zusammenhängen, dass sie eine andere Position auf ihrem Renner hat oder einfach einen anderen Sattel braucht als ich. Interessanterweise hat Jana das 168-Millimeter-Modell getestet. Vielleicht hätte diese Verbreiterung auch bei mir zu mehr Komfort geführt.

Dabei ist zu erwähnen, dass Specialized empfiehlt, ein spezielles Werkzeug zur Vermessung der Sitzhöcker zu verwenden, um eine korrekte Passform für eine maximale Leistung der Körpergeometrieanpassung sicherzustellen und somit die richtige Sattelbreite zu wählen. Der Sattel ist in verschiedenen Breiten erhältlich. Die auf Specialized spezialisierten Verkaufsstellen führen Sitzknochenmessungen (mit Retül-Match-Sytem) durch und geben darauf basierte Empfehlungen ab. Ich selbst habe den Sattel einfach in derselben Breite wie meinen Oura-Sattel getestet und mich nicht eigens dafür vermessen lassen.

Abbildung des Sattels ins Seitenansicht.

Die innovative Mimic-Technologie passt sich der Anatomie des Fahrers an.

Peis-Leistungs-Verhältnis:

Man zahlt hier für einen Sattel, der an der Spitze von Forschung und Entwicklung steht, und der deshalb erwartungsgemäß auch nicht ganz billig ist. Doch der Mimic ist gerade deshalb auch ziemlich allein auf weiter Bahn, denn einen vergleichbaren Sattel mit ähnlicher Technologie findet man bislang nicht.

Wer auf jedes Gramm an seinem Fahrrad achtet, der wird sich wohl für die leichteste S-Works-Version von Mimic entscheiden, den es für 299,90 Euro gibt. In den Genuss der neuesten Technologie kommt man jedoch auch bereits ab 84,90 Euro, wenn man den Comp Mimic wählt. Ich würde sagen, der Expert Mimic ist ein guter Kompromiss, mit hohlen Titanschienen und einer Nylon-/Carbon-Basis.

Wer nach dem Kauf des Mimic nicht zufrieden ist, dem bietet Specialized bei allen Händlern eine 30-tägige Austauschgarantie an. Ein großes Plus, das nicht jede Fahrradmarke vorweisen kann.

Fazit:

Der Specialized Power Expert mit Mimik-Sattel wird sicherlich viele Radfahrerinnen ansprechen und zu ihnen passen. Die umfangreichen Forschungen und Tests, die hinter der innovativen Technologie stehen, haben einen Sattel auf den Markt gebracht, der für den täglichen Kurzstreckengebrauch ein echter Allrounder ist und für die meisten Frauen, die sonst eher zu Problemen im empfindlichen Bereich neigen, geeignet ist. Die Schaumstoffeinlagen bieten viel Schutz, dennoch ist der fehlende Ausschnitt wird bei längeren Fahrten auf der Straße nicht für jeden das Richtige.

Ich selbst habe zwar ein anderes Lieblingsmodell von Specialized für meinen Hintern gewählt, halte es aber dennoch für lohnenswert, auf der Suche nach einem geeigneten Sattel in den Mimic zu investieren, da ich einige Frauen kenne, die auf den Mimic schwören und nichts anderes mehr fahren wollen. Angesichts dieser positiven Kritiken würde ich sagen, ist es einen Versuch wert.

Urteil:

Gut gemachter Sattel, der mit einer aufrechten, nicht zu sportlichen Fahrposition gut harmoniert.

Vorteil:

Ausgezeichneter Schutz, insbesondere für die Sitzknochen in aufrechter Position.

Nachteil:

Das Fehlen der Aussparung im Mittelteil ist für längeren Ausfahrten ab 2 Stunden oder bei aggressiver Fahrposition nicht geeignet.

Hier gibt es die Women´s Power Sattel mit Mimic-Technologie.

Wer schreibt hier?

Autorenportrait von Katharina Meißner.

Katharina Meißner, Rechtsanwältin, zweifache Mutter, Triathletin, lebt bei Berlin.

„Es wird nicht einfacher. Du wirst nur schneller.“ Unter diesem Motto sitze ich seit 7 Jahren im Rennradsattel und probiere mich inzwischen auch auf dem Mountainbike. Ich bin leidenschaftliche Triathletin und biete anderen Frauen regelmäßig gemeinsame Ausfahrten mit mir an, damit keine allein fahren muss.

Für diesen Zweck hat mir Specialized Testräder zur Verfügung gestellt, die ich kostenlos verleihen kann. Egal ob für Specialized, SCC-Events oder den Berliner Radladen La Dolce Velo – ich arbeite gerne mit Partnern zusammen, um den Frauenradsport populärer zu machen. Denn gemeinsam erreichen wir mehr!

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