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Rennradtraining. Interview mit Katharina Meißner über den Frauenradsport.

Rennradtraining. Interview mit Katharina Meißner über den Frauenradsport.
von Cyclique
23.5.2020
Fotos: Katharina Meißner
Radsport ist immer noch ein von Männern dominierter Sport und selbst im Frauenradsport entscheiden mehrheitlich Männer, worüber berichtet wird und was profitabel ist. Dennoch ändert sich einiges zugunsten der Frauen. Das liegt vor allem auch an Frauen wie Katharina Meißner, die sich als Specialized-Markenbotschafterin dafür einsetzt, dass immer mehr Frauen in den Sattel steigen. Wir haben uns mit ihr über Rennradtraining speziell für Frauen unterhalten.


Was können radfahrende Männer von radfahrenden Frauen lernen? Und vice versa?



Wir haben uns mit Katharina über falschen Ehrgeiz bei Ortsschildsprints und über ihre Tipps und Empfehlungen für Frauen die mit dem Radsport beginnen möchten unterhalten.



Hallo Katharina, stell dich doch bitte einmal kurz vor.

Ich bin 31, leidenschaftliche Triathletin und Rennrad-Fahrerin, zweifache Mutter und Rechtsanwältin. Meinen Drang zur Bewegung teilt zum Glück meine ganze Familie und so kommt es nicht selten vor, dass wir unsere Wettkämpfe und Ausfahrten in einen Urlaub integrieren und so jeder auf seine Kosten kommt.


Zum Glück sind die Startzeiten und Wettkampflokalitäten inzwischen so familienfreundlich, dass mein Mann und ich oftmals beide am selben Tag an den Start gehen können. Das genießen wir sehr.  



Wie bist du zum Fahrradfahren gekommen?

Ich befand mich in Norditalien im Wanderurlaub und wurde am Straßenrand von einer Gruppe Rennradfahrern überholt. Das Summen des Freilaufs der Räder riss mich aus meinen Gedanken und entfachte in mir unbändige Neugier.


Welche Sportart ist bitte so sexy wie Rennradfahren,


fragte ich mich und staunte über die hautengen farbenfrohen Trikots und die schnittigen Rahmen und Reifen. In diesem Moment war es um mich geschehen und ich beschloss, mein nächstes zusammengekratztes Geld in so einen wunderbaren Fahruntersatz zu investieren.


Ein halbes Jahr später landete ich nach unendlicher Beratung und Suche einen echten Glücksgriff über ebay-Kleinanzeigen und kaufte ein gebrauchtes Damenrennrad für 220 Euro. Ich war selig und von nun an süchtig.



Wohin führte dich deine erste Rennradtour?

Stolz wie Bolle wollte ich mein frisch erworbenes Schätzchen natürlich direkt ausfahren und ließ mich an – wie sich im Nachgang herausstellte – falscher Stelle beraten, wie lang man mit einem Rennrad zu fahren hat.


So ließ ich mich davon überzeugen, dass man auf ein Rennrad gar nicht steigen müsse, wenn man nicht vorhabe mindestens 100 Kilometer am Stück zu fahren. Deshalb plante ich kurzerhand meine erste Tour, schwang mich morgens 5 Uhr in den Sattel und radelte von Berlin-Wedding an einem Tag 270 Kilometer in meine Heimat Jena.


Ersatzschlauch, ausreichende Verpflegung und Navigationsgerät waren zu diesem Zeitpunkt für mich noch Fremdwörter und dementsprechend nicht auf meiner Tour vorhanden.


Aber ich bewältigte diese Strecke und war von nun an der festen Überzeugung, alle Distanzen bewältigen zu können. Ich glaube bis heute daran, auch wenn ich inzwischen auch für 50 Kilometer in den Sattel steige. ;)



Frauen sind im Radsport eindeutig in der Minderheit. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Meine Erfahrung zeigt, dass Frauen nicht einfach losziehen und sagen: „Ich habe Lust, Rennradfahren auszuprobieren, deshalb kaufe ich mir einfach eins.“


Ein Rennrad ist nicht gerade günstig, und viele Frauen wollen als Anfängerin nicht so viel Geld für Technik in die Hand nehmen. Immer mehr Frauen werden von ihren männlichen Partnern zwar aufs Rennrad gebracht, doch meist sind die Frauen dabei mit viel schlechterem Material unterwegs als ihre Gefährten und hecheln bereits aus diesem Grund hinterher.


Das macht natürlich nicht unbedingt Lust auf mehr und so stellen viele das Rad dann wieder in die Ecke und lassen es auch dort. Ein Grund, weshalb ich auch besonders am Anfang davon abrate, nur mit Männern zu trainieren.



Du bist Specialized-Women’s-Ambassador. Was ist das?

Ich bin seit 3,5 Jahren Botschafterin für Specialized und auch privat vollkommen überzeugt von der Qualität der Produkte.


In Berlin und Brandenburg organisiere ich mindestens einmal im Monat eine Ausfahrt speziell nur für Frauen und vor allem Einsteigerinnen auf dem Rennrad, um mit ihnen entlang der wunderschönen Felder in der Umgebung der Hauptstadt zu fahren und sie zu motivieren.


Für diese Ausfahrten biete ich gemeinsam mit dem Inhaber des Radladens „La Dolce Velo“ am Tempelhofer Feld kostenlose Testbikes an, die sich interessierte Frauen völlig unverbindlich leihen können, um zu testen, wie es sich anfühlt, auf einem Top-Rennrad zu fahren.


Es ist NICHT meine Aufgabe, ihnen ein Specialized zu verkaufen. Vielmehr geht es darum, ein Fahrgefühl zu vermitteln und ihnen zu zeigen, wie entspannt und unterhaltsam Ausfahrten in reinen Frauengruppen sein können.


Bei uns geht es nicht darum, den Ortsschildsprint zu gewinnen oder das teuerste Damenrennrad zu fahren. Auf unseren Touren beschäftigten wir uns eher mit der gemeinsamen Planung des nächsten Wettkampfes und mit Spekulationen über die Qualitäts des Kuchens, den es am Ende jeder unserer Rennradtour im Laden gibt.


Seitdem ich Frauen die Möglichkeit gebe, sich auf meinen Touren unter sich auszutauschen und sich frei von den Bewertungen der männlichen Fahrer über Rennräder und Material auszutauschen, haben sich ganz inspirierende Energien gebildet.


Tourteilnehmerinnen haben sich zu Gruppen zusammengeschlossen, gemeinsame Aktivurlaube gebucht und sind echte Freundinnen geworden. Diese Entwicklung macht mich sehr glücklich, zu beobachten.



Wie kann man mehr Frauen dazu bekommen in diesen Sport einzusteigen? Hast du Ideen?

Mut machen, Vorbild sein und Technik zur Verfügung stellen. Dank der Unterstützung von Specialized fällt es mir sehr leicht, immer mehr Frauen für den Rennradsport zu begeistern.


Die Mädels kommen mit der Idee des Rennradfahrens zu mir und ich muss mich nur mit ihnen verabreden, ihnen einen fahrbaren Untersatz leihen und ihnen zeigen, dass man sich mit ein bisschen Unterstützung alle sportlichen Träume erfüllen kann… und das trotz Job, Kinder und Partner.


Ein wenig Ehrgeiz vorausgesetzt. Aber ich habe bisher noch keine Fahrerin ohne Ehrgeiz kennengelernt. Vielmehr komme ich aus dem Staunen manchmal gar nicht heraus, wenn mir die Frauen erzählen, was sie sportlich schon alles erreicht haben und was ihre nächsten Pläne sind.


Da bin ich unglaublich stolz, diese Mädels kennenlernen zu dürfen.



Du gibst auch Fahrtechnikkurse für Frauen. Was rätst du Rennrad-Newbies, die sich auf dem Rad wenig zutrauen?

Technik-Workshops gebe ich vor allem in der kalten Saison, richtig. Das A und O, um sich auf dem Rad sicher zu fühlen, ist die Beziehung, die man zu seinem Rad pflegt. Wer sein Rad nicht kennt und pflegt, wird sich auf ihm nie sicher fühlen.


Deshalb weise ich immer wieder auf die wenigen Grund-Check-Ups hin, die man vor allem zu Saisonbeginn nochmal durchführen sollte. Sind Steuerrohr oder Sattel nicht fest, bringt einem das teuerste Material nichts. 

Anmerkung: Eine genaue Checkliste zur Rennradinspektion findet ihr hier.


Genauso wichtig ist beim Rennradfahren natürlich die Vertrautheit mit den Handzeichen zum Fahren in der Gruppe. Auch wenn meine Teilnehmerinnen, die Zeichen inzwischen wahrscheinlich aus dem Schlaf können, wiederholen wir sie vor jedem Tourstart für die Einsteigerinnen. Das Beherrschen des einhändigen Fahrens ist dabei Grundvoraussetzung.



Leider, leider ist ein Rennrad nicht gerade günstig. Hast du einen Überblick was dich der Radsport bisher gekostet hat? Und was gibt er Dir zurück?

Rennradfahren hat mich schon ein Vermögen gekostet. Es hört ja nicht beim Kauf des ohnehin teuren Materials auf.


Wettkämpfe, Anreisen zu Ausfahrten, Übernachtungen kosten ja meist mehr als das Rad an sich. Aber für mich stehen die Kosten in keinem Verhältnis zu dem Glücksgefühl, den mir das Bewältigen einer Distanz oder das Erreichen eines Berggipfels beschert.


Das Schöne an der Frauen-Rennradszene: Es wird sich gegenseitig ausgeholfen. Wer sich ein neues Trikot leisten kann, verschenkt sein altes weiter und um an einem Rennen teilzunehmen, quetscht man sich auch mal zu dritt in den Kleinwagen samt Räder, um Fahrtkosten zu sparen.



Produkte werden immer noch an Frauen vorbei entwickelt – in der Fahrradbranche sitzen eben oft Männer am Hebel. Also los geht’s … wo besteht aus deiner Sicht der größte Handlungsbedarf und welche Radläden in Berlin kannst du Rennradfrauen empfehlen? Und warum?

Eigentlich bin ich inzwischen mit der Bandbreite an frauenspezifischer Rennradausstattung sehr zufrieden.


Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um für mich die optimale Ausrüstung zu finden, aber bin nun nach 6 Jahren auf dem Rennrad gut aufgestellt. Ich denke, das ist nicht unbedingt ein frauenspezifisches Problem.


Die Auswahl der Damensättel ist bei den von mir genutzten Marken inzwischen genauso groß wie die der Männer. Und die Hosen haben so ein passend geformtes Polster mit Magnetverschluss für besseres Handling in den Pinkelpausen, dass ich mich wirklich nicht beklagen kann.


Auch geht die Radindustrie immer mehr davon weg, Damenräder in minderer Qualität herzustellen, weil man festgestellt hat, dass sich der Anspruch von Männern und Frauen auf dem Rad nicht groß unterscheiden und man Unisex-Modelle durch einfache Veränderungen in einzelnen Komponenten wie bspw. dem Lenker viel besser an die weiblichen Bedürfnisse anpassen kann.


Empfehlen kann ich den Laden „La Dolce Velo“, Manfred-von-Richthofen-Straße 22, 12101 Berlin. Der Ladenbesitzer nimmt Frauen ernst und berät mit der notwendigen Geduld und ohne Verkaufsdruck.




Du bist vorletztes Jahr die 300er Mecklenburger Seen Runde gefahren. Waren das deine ersten 300 Kilometer?

270 Kilometer bin ich wie oben geschrieben auf meiner ersten Rennradausfahrt gefahren. Die 300-Marke habe ich aber tatsächlich zuvor noch nicht geknackt.



Was sind deine Top 3 Tipps für Frauen, die so eine Langdistanz zum ersten Mal fahren?


1. Alle 40 Minuten essen!

Wenn der kleine Hunger – knuffig anzuschauen – im Werbefernsehen auftaucht, scheint er wenig bedrohlich.


Begegnet er einem dagegen im Rennen, ist es meist zu spät. Deshalb: Riegelpackungen bereits vorher aufreißen, damit sie unterwegs leichter ihren Weg zum Mund finden.


Wer kein Fan von Süßkram ist: Eine Käsestulle ist genauso effektiv.



2. Kenne deine Strecke!

Es gibt nichts Schlimmeres als sich bei einem Rennen zu verfahren und im Zweifel viele Kilometer wieder zurückfahren zu müssen. Besonders bei langen Touren ist die Aufmerksamkeit nicht dauerhaft auf die Beschilderungen gerichtet, deshalb solltet ihr ungefähr wissen, durch welche Orte euch die Tour führt. Dies ist auch eine wichtige Stellschraube in Bezug auf die Sicherheit.


Hierbei können folgende Aspekte eine Rolle spielen:

+ Art der Fahrbahn

+ Verkehrsdichte

+ Beschaffenheit des Untergrundes

+ Steigung


Ich teile mir schon aus Gründen der Motivation ein Rennen immer in mehrere Teilabschnitte ein. So sehe ich nicht die großen 300 km, die ich zu bewältigen habe, sondern drei Mal 100 km. Mein Kopf schreckt davor viel weniger zurück.


3. Such dir einen realistischen Trainingspartner.

Und nein, meistens ist das nicht der Lebenspartner. Mich frustriert es, mich beim Training oder im Rennen an meinem Partner zu orientieren.


Seine Geschwindigkeiten zu erreichen ist für mich einfach unrealistisch, aber auch gar nicht schlimm. Es macht mir viel mehr Spaß mit Mädels sich die ganze Fahrt über unterhaltend auf Tour zu sein.



Was können radfahrende Männer von radfahrenden Frauen lernen? Und vice versa?

Man muss nicht immer den Ortsschildsprint gewinnen. Manchmal tut es der Gruppe und der Verkehrslage viel besser, nicht aus der Gruppe auszubrechen, um zu zeigen, was für ein toller Hecht man ist.


Da kommt man mit Motivation eventuell viel besser an.


Frauen können sich hingegen von Männern gerne ein bisschen Mut abschauen. Es ist sinnvoll, sich einfach aufs Rad zu setzen und auch mal eine neue Sportart, Distanz oder tour auszuprobieren, anstatt vorher alles zu zerdenken und Gründe für ein Scheitern zu suchen. Traut euch mehr zu, Mädels!



Männer sind manchmal ein Problem :-) Was war geschlechterspezifisch der absurdeste Moment den du auf dem Rad erlebt hast?

Manchmal schließen sich Männer ungefragt unseren Mädelstouren an. Auf einer Fahrt hatte eine Fahrerin plötzlich eine Panne und der Mann stand sofort neben ihr, um ihr den Schlauch zu wechseln.


Als ob sie dem Problem nicht selbst Herr(in) werden könnte. Wir intervenierten und wechselten den Schlauch in Minutenschnelle ohne seine Hilfe. Männer, das ist wichtig für uns, nicht auf euch angewiesen zu sein, wenn wir mal ohne euch unterwegs sind!!!


Hast du eine Lieblingstrainingsstrecke? Und welche Strecke möchtest du unbedingt einmal fahren?


Eine Strecke, die ich inzwischen im Schlaf fahren kann ist die Havelchaussee-Krone-Runde entlang der Avus in Berlin.


Diese Strecke beinhaltet alles, was man als Vorbereitung für ein Rennen braucht: Man kann die 21 km beliebig verlängern. Es gibt lange Geraden für ordentlich Geschwindigkeit und ein paar Steigungen, um an die eigenen körperlichen Grenzen zu gelangen.


Fahren möchte ich unbedingt einmal die Transalp. Die Tour bietet so etwas ganz anderes, als wir hier in Berlin oder Brandenburg als Strecke zur Verfügung haben.



3 Gründe warum Frauen mehr Radfahren sollten?

1. Körperliche Gesundheit

2. Seelische Gesundheit

3. Sexiness



Und zu guter Letzt, mit welcher berühmten Persönlichkeit – egal ob lebendig oder tot – würdest du gerne mal ne Runde drehen?

Jan Frodeno.


Falls nach diesem Interview jemand total Lust hat, mit Rennradfahren zu beginnen, wo findet Frau euch?

In der Cyclique App, immer mal nach den Berliner #happyrides women only schauen, oder auf Facebook. Schickt uns einfach eine Gruppenanfrage und ihr erhaltet alle Infos rund um meine Touren, gemeinsamen Rennen und Workshops speziell für Frauen. Hier geht es zur Gruppe. 


Liebe Katharina, vielen Dank für das Interview. Wir sehen uns auf dem Rennrad.






 


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